Unternehmenskultur ändert sich nicht von alleine

Ohne eine offene, eine vielfältige und interaktive Kultur entsteht kein großes Ganzes. Davon bin ich überzeugt. Gerade in Zeiten, in denen identitäres Gedankengut anderes verheißt. Sei es „die Mannschaft“ oder unsere Gesellschaft: Kultur entscheidet über Gelingen oder Misserfolg. Dies gilt erst recht für wirtschaftliche Systeme.

Wie sie mit Themen intern umgehen, wie sie Werte – jenseits der Leitbilder – leben und wie stark sie in ihrer Organisaton und mit anderen Systemen verdrahtet sind, um neues aufzunehmen – all das steuert Kultur. In ihr ist die Unternehmensgeschichte verdichtet, sind Rituale beheimatet und spielt die Melodie, in der sich Menschen begegnen. Im Takt oder in Disharmonie. Sie ist alles, die wertvollste Ressource, und nichtsdestotrotz so schwer greifbar.

Liebe geht durch den Magen, heißt es so schön. Wandel geht über die Kultur. Wie oft haben wir in unserem Berufsleben schon erlebt, dass gut gemeinte Änderungen von der Kultur nicht verdaut und gnadenlos ausgespien wurden. Weil sie nicht verträglich waren und nicht mit, sondern gegen die Kultur zubereitet wurden.

Viele Führungskräfte würden darauf erwidern, es liege daran, dass es Mitarbeitern an Veränderungsbereitschaft fehle. Das ist die übliche Antwort – und stellt gerade den Führungskräften ein Armutszeugnis aus. Wer, wenn nicht sie, spielt im Wandel eine bedeutende Rolle, geht voran, holt Mitarbeiter ab. Oder mangelt es Führungskräften an der Kompetenz, sich selbst zu bewegen? Macht bindet. Und auch für sie gilt: Wo kommen ihre Ressourcen her, sich zu verändern?

An dieser Stelle leiste ich Abbitte. Ich habe jahrelang gehofft – wohl berufliche Postadoleszenz -, dass Kultur sich aus sich selbst heraus bewege. Mithilfe profunder und seriöser Arbeit. Nein, natürlich habe ich nie an postulierte Werte und Leitbilder geglaubt, sondern an die Hoffnung, Haltungen ließen sich verändern. Auf dass Menschen anders kommunizieren und führen. Das war schlicht naiv, obwohl ich systemisch ausgebildet bin.

Von dieser Gutgläubigkeit habe ich mich verabschiedet. Es gilt in der digitalen Transformation mehr denn je, am System und nicht im System zu arbeiten. Wer Kultur verändern will, muss den Rahmen und die Bahnen ändern, in denen sich Kultur vollzieht. Dazu zählen die Entscheidungs- und Kommunikationswege genauso wie die organisatorischen Strukturen eines Systems.

Wer an diesen Schrauben dreht, merkt, dass sich Kultur verändert, sich an den veränderten Bedingungen ausrichtet. Von ganz alleine. Wer wagt, gewinnt. Und wer über Mut zur Unsicherheit verfügt: Keiner kann 1:1 vorhersagen, wie sich die Kultur bewegt. Vielmehr sprechen wir von einem Dauerprogramm, in dem die Arbeitenden am System wie Seismographen wahrnehmen, was sich verändert und darauf aufbauend den nächsten Schritt unternehmen.

Bottom-up lässt sich nicht gut schrauben. Rahmen neu justieren ist und bleibt eine Management-Aufgabe. Drunter geht es nicht, auch wenn dies eine Binse ist. Evangelisten kurz einfliegen, hilft hier nicht weiter. Veränderungen zu gestalten ist nichts für Social Media, sondern eine Kärrnerarbeit. Zäh und anstrengend – und das ganze noch ohne Erfolgsgarantie. Dazu bedarf es der Hilfe wirklicher Organisationsentwickler mit vielfältiger Erfahrung.