Bildung unter dem Diktat der Wirtschaft

Eigentlich ist der homo oeconomicus ein Mythos. Erfunden von liberalen Vordenkern, die uns seit einer gefühlten Ewigkeit glauben machen, der Markt und wir Menschen seien ein rationales Konstrukt, das einer logischen Mechanik folge. Ein Uhrwerk, in dem ein Rädchen in das andere greife. Ideologien sind ein betörendes und langwirkendes Opium, wie uns die Lebensdauer von Religionen lehrt.

Immerhin haben uns neuere Erkenntnisse über die Art und Weise, wie unser Gehirn taktet, eines besseren belehrt: Wir sind alles andere als rational handelnde Subjekte. Ob das beruhigend ist, überlasse ich Ihrer Fantasie. Immerhin gab es jetzt einen Nobelpreis an einen Ökonom, der den homo oeconomicus beerdigt haben.

Totgesagte leben bekanntlich länger und dass unser vielfältiges Leben immer stärker unter die Räder des Paradigmas„economy first“ gerät, ist ein bereits Jahrzehnte laufender Prozess. Seit geraumer Zeit haben die Lindners dieser Welt[1] nun das Thema Bildung entdeckt. Auch sie hat als primäres Ziel der Wirtschaft zu dienen: Programmieren lernen in der Grundschule ist eine Forderung. Eine andere, das Fach Wirtschaft auf den Lehrplan zu setzen. Und ein weiterer Punkt auf der Liste lautet: Lasst uns die Klassenzimmer durchdigitalisieren, damit wir die nächste Stufe unserer Evolution erreichen: den homo digitalus oeconomicus.

Bildung soll junge Menschen auf ihr Funktionieren in der Wirtschaft vorbereiten. Damit sie als homo digitalus oeconomicus im Räderwerk einer allumfassenden globalen Maschine ihren Platz finden, in jeder Faser zweckrational.

An diesem Bildungswunschbild gibt es Haken. Über kurz oder lang werden uns die inneren Wirkmechanismen digitaler Lösungen, wie KI oder Machine Learning, überrollen So früh können wir gar nicht programmieren lernen wie dies Computer selbst lösen. Denn unser Gehirn ist zwar großartig, aber in Sachen Leistung und Kapazität den Mega-Rechner schlicht unterlegen. Deshalb sollten wir uns gerade und bewusst auf das besinnen, was wir besser als Digitalmaschinen können. Kreativ sein, unberechenbare Situationen lösen, zu Empathie fähig sein und dazu, unterschiedliche Positionen zusammenzubinden. Ob KI irgendwann dialektisch agieren kann, wage ich Stand heute zu bezweifeln.

Aus gutem Grund will sich China bei Bildung künftig stärker auf Kunst, auf Musik, also genau auf das Kreative, konzentrieren. Lest mehr Gedichte und Prosa, musiziert gemeinsam – das ist auch mein Credo. Genauso wie statt strikte Lehrpläne runterbeten mehr Projekte in den Klassen angegangen werden sollten. In dieser rasenden Welt, in der eine Disruption die nächste jagt, sollten wir früh lernen, mit Unsicherheit umzugehen, mit Ambiguitäten, mit komplexen Situationen und mit ständigen Veränderungen. In gemischten Teams, die Vielfalt und nicht eine identitäre Leitkultur verkörpern. Lernen, selbstorganisiert eigene Lösungen zu entwickeln. Das sind genau die Kompetenzen, die uns Menschen auszeichnen, die im Zentrum von Bildung stehen sollten.

Ein letztes: Vor allem in den USA wird es als Weisheit letzter Schluss verkauft, dass Schüler über digitale Anwendungen die Aufgaben bekommen, die genau ihrem Wissensstand entsprechen. Um sich darauf aufbauend weiterzuentwickeln. Das klingt fürs erste sinnvoll. Aber ob dies auf Dauer hilft? Wir führen immer wieder endlose Diskussionen, was guten Unterricht ausmacht. Die Empirie sagt längst: Es ist schlicht die Person des Lehrers, die Schüler bindet – oder eben nicht. Digitalen Geräten mit ihrer eindimensionalen rechnerischen Logik sind zur Emotion nicht fähig. Umso wichtiger wird es künftig, die menschliche Qualifikation von Lehrern ins Zentrum zu rücken.

Frank Schabel

[1] Darunter verstehe ich Akteure, die eine frische, fortschrittliche und digitale Welt gleich setzen mit unbegrenzten Märkten und frei fließendem Kapital. Andersdenkende sind Bedenkenträger und Ewiggestrige.

Dieser Text spiegelt meine rein persönliche Meinung wider und ist bewusst nicht suchmaschinenoptimiert gestaltet.

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